Mein 2 Leben!
1. Leben
Immer wieder wird mir die Frage
gestellt, warum ich nicht mehr Polizist bin. Ich gebe dann immer
folgende Antwort: „Ich bin zweimal den Führerschein wegen Sauferei
losgeworden und das fand der Dienstherr gar nicht witzig. Da ich
noch nicht Beamter auf Lebenszeit war, wurde mir empfohlen zu
kündigen. Aber ich führe heute ein anderes Leben. Ich bin
trockener Alkoholiker!"
Ich hatte immer viele Freunde und
feierte viel. Irgendwann fiel mir auf, dass ich bei jeder Feier
völlig besoffen war, aber es waren ja auch immer besondere
Anlässe: Berg- und Abschlussfeste in der Ausbildung, bestandene
Prüfungen, Geburtstage u. Ä. Und ein Feierabendbier ist doch auch
keinem zu verwehren.
Ich lernte eine Frau kennen und
lieben. Irgendwann sagte sie mir, dass ich ein bisschen viel
trinke. Sie verließ mich, obwohl sie schwanger war. Ich sagte,
dass ich mich ändern würde, bekam sie zurück und mein Sohn wurde
geboren. Aber ich hatte ja alles wieder, was ich zum Leben
brauchte: die Frau, mein Kind, einen guten Job und genug Geld. Es
dauerte nicht lange und ich trank so wie immer. Es war doch auch
normal, dachte ich. Dann verließ sie mich wieder. Ich ertrank
meinen Kummer darüber im Alkohol, denn nun hatte ich ja einen
richtigen Grund zu trinken.
Dann kam der 4. September 1994. Ich
war 22 Jahre alt, hatte Urlaub und war auf der Heimfahrt. Ich fuhr
mit 120 km/h auf der Stadtautobahn an einer Zivilstreife vorbei,
die dies für zu zügig hielt. Sie stoppte mich und die Kollegen
rochen meine Fahne. Nach dem „In-die-Tüte-Pusten“ brachten sie
mich zur Blutentnahme und behielten meinen Führerschein.
Als ich dann wieder zum Dienst
erschien, wusste mein Wachleiter längst Bescheid. Er bat mich in
sein Büro und fragte, wer denn nun bei der Blutentnahme besoffen
gewesen wäre? Der Arzt oder Sie? Der Arzt hatte auf dem Protokoll
angekreuzt, dass ich dem „äußeren Erscheinungsbild und dem
Reaktionsverhalten“ nach nur „leicht alkoholisiert“ war. Das Labor
kam zu einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von 3,03 Promille !
Man sollte wissen, dass bei Jugendlichen ein BAK-Wert ab 3,0
Promille zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin zu
Lähmungserscheinungen und zum Tod führen kann. Zwischen den Zeilen
konnte man aus der Aussage des Arztes und des BAK lesen, dass ich
eine hohe Alkoholgewöhnung hatte. Dies stellte auch später der
Staatsanwalt fest. „Ein normaler Mensch findet mit 3,03 Promille
nicht mal mehr den Autoschlüssel in der eigenen Hosentasche und
Sie fahren fehlerfrei mit 120 Km/h über den Stadtring?“ Diese
Leistung war ihm eine ordentliche Geldstrafe und neun Monate
Führerscheinentzug wert.
Der Dienstherr reagierte natürlich
auch und schickte mich zu einer „Langzeit-Entwöhnungstherapie“.
Drei Monate verbrachte ich in einem kleinen Ort Namens
Hankensbüttel in Niedersachsen. Als „Privatpatient“ war ich in
einer erstklassigen Klinik gelandet und dachte tatsächlich über
mein Leben nach. Aus heutiger Sicht war es aber ohne Sinn, da ich
es nicht für mich tat, sondern für meinen Dienstherrn und um
meinen Job zu behalten. Und so kam es wie es kommen musste: Am 1.
Februar 1995 kam ich nach Hause und Himmelfahrt war ich wieder
sternhagelvoll.
Kurz vorher lernte ich eine Frau
kennen und lieben, Britta Theuer. Britta wusste um das Problem,
kannte sich aber nicht wirklich aus. Und irgendwie dachten wir
beide auch, dass ich das Problem im Griff hätte. Ich machte wieder
meinen Job, nur eben als Beifahrer. Später bekam ich auch meinen
Führerschein wieder und alles ging irgendwie. Doch ich war längst
da, wo ich im September 1994 bereits war. Ich begann wieder zu
lügen, um saufen zu können, blieb nächtelang in irgendwelchen
Kneipen und kam erst morgens nach Hause. Immer wieder bat mich
diese Frau, das Saufen aufzugeben oder wenigstens „nicht so viel
zu saufen“.
Dann kam der 17. April 1997. Ich war
25 und auf der Heimfahrt. Ich fuhr durch eine kleine Straße und
beachtete nicht die „Rechts-vor-Links-Vorfahrt“ eines
Mannschaftswagens der Polizei. Der Kollege musste stark bremsen
und wollte mit mir anschließend ein „verkehrserzieherisches
Gespräch“ führen. Dabei stellte er die Fahne fest und das bereits
bekannte Prozedere lief ab. Diesmal hatte ich einen BAK von 2,86
Promille! Zu meinem Pech oder meinem Glück hatte ich dieselbe
Richterin und denselben Staatsanwalt wie beim ersten Mal. Der
Staatsanwalt fand das nicht komisch, da ich ja schließlich ein
„Hilfsbeamter der Staatsanwaltschaft“ war. Die „Verbesserung“ des
BAK von 3,03 auf 2,86 Promille war ihm diesmal 12 Monate
Führerscheinentzug und drei Monate Freiheitsstrafe (ausgesetzt auf
drei Jahre zur Bewährung) wert.
Und wieder reagierte der Dienstherr:
Ich wurde bis zum Abschluss des Disziplinarverfahrens vom Dienst
suspendiert. Das Disziplinarverfahren ergab meine Entlassung aus
dem Dienst. Dem kam ich durch eine eigene Kündigung zuvor und
verließ den Polizeidienst am 30. September 1998.
Es folgten viele der üblichen
Eskapaden eines Säufer. Trotz alle dem wurde am 05. Dezember 1997
aus Britta Theuer - Britta Haarbach! Aber im September 1999 zog
sie aus. Ich riss mich zusammen und reduzierte das Saufen. Man
näherte sich wieder an und die Frau wurde schwanger. Man zog
wieder zusammen und lebte in einer kleinen 1 1/2 Zimmerwohnung.
Meine Tochter erblickte das Licht der Welt am 27.06.2000. Aber
längst hatte ich zurück zum Bierglas gefunden und war wie immer.
In den ersten Maitagen 2001 wurde ich vor die Wahl gestellt:
entweder weiter saufen oder die Familie!
2. Leben
Am 9. Mai 2001 entschied ich mich
für Letzteres! Ich begann eine „Ambulante-6-Wochen-Tagestherapie“
bei der Anonymen Alkoholkrankenhilfe Berlin e.V. (AKB). Seit
diesem Tage bin ich trocken und dankbar dafür!
Dank des AKB, seinen Mitgliedern,
neuen Freunden, den Gruppen und natürlich meiner Frau, erhielt
mein Leben wieder eine feste Struktur. Die familiäre Situation
normalisierte sich und ich lernte meine Tochter kennen. Im August
begann ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Im
November 2002 übernahm ich als Gruppensprecher die Verantwortung
für eine Selbsthilfegruppe. Da diese Gruppe jeden Sonntagvormittag
stattfand, musste ich die Leitung aufgeben, als sich eine
Tätigkeit an der Botschaft der USA anbahnte.
Seit dem 9. Mai 2001 habe ich
gelernt, dass es keinen Grund zum Saufen gibt! Weder ein
mehrmaliger, nahtloser Wechsel des Arbeitgebers, noch
Arbeitslosigkeit oder der plötzliche Tod der eigenen Mutter! Noch
immer ist es ein schmerzhafter Gedanke, dass meine Mutter noch von
der erneuten Schwangerschaft wusste, aber ihre zweite Enkeltochter
nie kennen lernte.
In Zusammenarbeit mit einer sehr
guten Freundin und engagierten Lehrerin, Frau Anja Graffman,
machte ich dann Schulaufklärung an einer Hauptschule in Potsdam.
Es war für sich eine sehr schöne Erfahrung. Nicht zuletzt, weil
einmal mehr ein Mensch mir wieder etwas Wichtiges zutraute.
Selbst den „Idiotentest“, die MPU
bei der DEKRA, bestand ich ohne Bedenken und durfte im Juni 2004,
am Todestag meiner Mutter, meinen neuen Führerschein abholen. Ich
begann mein Leben anders zu leben: mit zwei wunderbaren Töchtern
und einer Frau, die ich liebte. Die Frau, die einen Säufer
heiratete und ihn doch nie im Stich ließ. Dafür bin ich ihr sehr
dankbar und werde ihr ewig verbunden sein! Danke Britta!
Im November besuchte ich einen
"Ausbilderqualifikationslehrgang" den ich erfolgreich abschloss.
Um der Arbeitslosigkeit zu
entrinnen, habe ich im Juli 2005 den Mut gefasst und stürzte mich
in die Selbstständigkeit... ich gründete BerlinCrimeTours. Ei
Untenehmen, dass Kriminalspiele anbietet, besondere Stadtführungen
veranstaltet und Türen für den "Normalen Menschen" öffnet, die
sonst verschlossen bleiben.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich
Herrn Gerhard Lenz von der katholischen Schule St. Alfons danken,
der sich selbstlos meiner schrecklichen Rechtschreibung angenommen
hat! Liebe Schüler, Herr Lenz hat mir aufgezeigt, das die
Rechtschreibprüfung von Microsoft nicht alles kann!
Alle Anstrengungen mein Leben wieder
zu ordnen, tragen nun nach und nach Ihre Früchte. Erste
geschäftliche Erfolge sind zu verzeichnen, ich bin auch als
"freier Dozent" im Sicherheitsgewerbe tätig und der Förderverein
der Kita meiner Kinder wählte mich zum 1. Vorsitzenden.
Stand März 2007
Mit diesen Zeilen möchte ich allen
Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen! Gern stehe ich
jederzeit zu Fragen und Problemen rund um Alkoholismus Rede und
Antwort. Jeder kann mir eine Mail mit Fragen schicken, auch
anonym! Ich werde auf diese Fragen nach besten Wissen und Gewissen
antworten.
GESTERN, HEUTE, MORGEN
GESTERN war ich ein Säufer, dem
alles egal war. HEUTE bin ich trocken und dankbar dafür. MORGEN
wird die Sonne aufgehen, das ist sicher. Ob hinter Wolken oder ob
wir sie sehen werden, weiß noch niemand!